Inhalt der Website: Benediktierkloster Mariastein: Abtei zum heiligen Diakon und Blutzeugen Vinzenz in BEINWIL-MARIASTEIN. Gegründet um 1100 in Beinwil, nach Mariastein verlegt 1648, vom Staat reorganisiert (faktisch aufgehoben) 1874, wiederhergestellt 1970/71. Was Mariastein ganz besonders auszeichnet, ist die unterirdische Felsengrotte mit dem Gnadenbild, der lächelnden Madonna. Jahrein jahraus finden hier unzählige Menschen Ermutigung und Hilfe bei der Mutter vom Trost. Das Kloster ist Ort der Arbeit und vielfältiger Tätigkeiten, für die ein gesunder Rhythmus des Tagesablaufs vorgegeben ist. Die Arbeit ist ein notwendiger Dienst an der Gemeinschaft und bedeutet gleichzeitig Teilnahme am Schöpfungs- und Heilswirken Gottes.
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von alt Abt Basilius Niederberger
aus: Die Glocken von Mariastein 54(1977)188-193.
Auf dem Kirchplatz von Mariastein stand im Sommer 1976 eine Dame aus Wien. Sie betrachtete aufmerksam die Fassade der Basilika und fragte: «Warum habt ihr auf dem Turmkreuz einen Hahn? Bei uns sieht man das nicht. Ist das evangelisch (protestantisch)?» Die gleichen Fragen haben auch schon andere gestellt. Die erste Frage ist sogar recht alt und hat auch den Klerus beschäftigt. In einem lateinischen Gedicht, das dem beginnenden 15. Jahrhundert zugeteilt wird, steht die Strophe:
«Multi sunt presbyteri
qui ignorant quare
super domum Domini
gallus solet stare.»
In deutscher Prosa heisst das: «Viele Priester wissen nicht, warum auf dem Haus des Herrn gewöhnlich ein Hahn steht.»(1)
Nun, die nächste Antwort könnte lauten: «Wir haben einen Hahn auf dem Kirchturm, weil wir eine Windfahne brauchen.»
Der Hahn ist Windwart
Dass er für dieses Amt schon sehr früh - lange vor der Reformation - ausersehen wurde, erfahren wir aus einer poetischen Beschreibung der Kathedrale von Winchester aus dem Ende des 10. Jahrhunderts, wo gesagt wird, der Hahn in der Höhe drehe sich - nicht faul - und biete den regenbringenden Winden die Stirne. (2)
Windfahnen kann man aus einer Blechplatte schneiden und so auf luftiger Höhe montieren, dass sie sich unter dem Einfluss des Winddruckes um eine senkrechte Achse drehen. Der Goldglanz sorgt dafür, dass man sie von weitem sehen kann.
Windfahnen - sie dienen auch zur Zierde der Giebel - gibt es in mannigfachen Ausführungen. Engel mit Posaune, Drachen, Sonne, Mond und Sterne, Fahnen und Flaggen, Monogramme, Jahrzahlen usw. können die Windrichtung anzeigen. Wenn der Hahn auf dem Turm von Mariastein nach der Sankt-Anna-Kapelle schaut, ist der Wind günstig, wir haben schönes Wetter.
Nach Nouveau Larousse universel hatte ursprünglich der Adel das Vorrecht, Windfahnen auf seinen Schlössern anzubringen. (3) Als man auch der Kirche dieses Recht einräumte, musste sie sich um ein geeignetes Emblem umsehen.
Warum hat sie gerade den Hahn ausgesucht?
Darüber gibt uns die Symbolkunde Auskunft.
Im Mittelalter konnten die wenigsten Leute lesen. Um sie in den Glaubenswahrheiten zu unterrichten, predigte man nicht nur, man bemalte ganze Kirchenwände mit Bildern aus der Bibel und aus dem Leben von Heiligen. Beim Besuch des Gotteshauses liess man sich die schriftlosen Bilder erklären. Also auch auf visuellem Weg wurde das Volk mit dem Christentum vertraut.
Viel früher als diese «Bilderschrift» - Armenbibel nannte man sie - entstand der Brauch des Symbols. Auch das Symbol ist eine bildliche Darstellung, besteht aber nur aus einer einzigen Figur. Diese Figur will zum Nachdenken anregen, denn sie weist auf etwas Bedeutsames hin. Die Beziehung zu diesem Etwas soll der Beschauer leicht erraten, sonst muss man ihn darauf aufmerksam machen.
In den Katakomben sieht man z. B. oft auf den Gräbern von Christen eine Taube dargestellt. Sie hält einen Ölzweig im Schnabel. Unwillkürlich erinnert man sich hier jener Taube, die mit grünendem Ölzweig in die Arche Noes zurückkehrte. Die Taube ist das Symbol der Seele, und die ersten Christen wollten mit ihr die Bitte und Hoffnung ausdrücken, die hingeschiedene Seele möge zu Gott zurückfinden. (4)
Kann auch der Hahn Symbol sein?(5)
Den Griechen und Römern war der Streithahn das Sinnbild kühner Kampfeslust.
Auch die Christen der Frühzeit übernahmen den Streithahn als Symbol, deuteten aber den Hahnenkampf, den sie immer wieder in der Arena sahen, als den guten Kampf, den der Christ wie Sankt Paulus kämpfen muss (2 Tim 7,4). Der Hahn auf den Sarkophagen und die Inschrift In Pace sollte daran erinnern, dass der Verstorbene den guten Kampf siegreich bestanden habe und nun im Frieden ruhe. (6)
Wir Menschen des 20. Jahrhunderts sind in den Errungenschaften der Technik aufgewachsen und haben vielfach den Kontakt mit der Natur verloren. Wir können uns nur schwer sternenlose Nächte vorstellen, in die kein Strahl künstlichen Lichtes dringt und kein Glockenschlag sagt, wie fern der Morgen noch ist.
Anders waren die Menschen in der Antike und in den ersten christlichen Jahrhunderten daran. Für sie bedeutete der Hahnenschrei Orientierung.
Es fällt auf, wieviel Sympathie der Hahn deswegen bei Dichtern und selbst in der Hierarchie genoss, und wir staunen, dass sie sich durch ihn auf so viele Dinge aufmerksam machen liessen.
Vor allem hat der hl. Ambrosius (gest. 397) gern auf den Hahnenschrei geachtet und sich Rechenschaft gegeben, wem er ein Signal geben wolle.
Der Hahn weckt die Schläfer, tröstet den verirrten Wanderer, dass er bald die richtige Fährte finde, verscheucht die Mörder und Räuber. Der Schäffer ängstigt sich nicht mehr, der Kranke atmet auf, die Fieber sinken. Der Hahn ruft auch zu Gebet und Studium, die Gefallenen mahnt er, wie Petrus die Schuld zu bereuen. (7) Sankt Peter mit dem Hahn ist in den Katakomben oft dargestellt. (8) Diese realistischen Überlegungen haben den Dichter Ambrosius zum Lied «Aeterne rerum Conditor» angeregt, einem Lied von acht Strophen, das die Kirche im vollen Umfang in ihr Stundengebet eingereiht hat, zu den Laudes an den Sonntagen im Jahreskreis. (9) Der Hahn ist der Herold des Tages. Der immer Wache, der sich nie verschläft, ist für Ambrosius Symbol der Wachsamkeit.
Prudentius (gest. nach 405), ein Spanier, der grösste Dichter des altchristlichen Abendlandes, hat Ambrosius noch übertroffen. Sein Hahnengesang «Ales diei nuntius» zählt 25 Strophen. Auch Prudentius rühmt den Hahn wie der Bischof von Mailand und findet noch ein neues Lob für ihn. Die Finsternis ist die Stunde der Dämonen, wenn der Hahn kräht, schleichen sie weg, denn es naht jener, den sie fürchten:
«Drum haben wir zum Glauben Grund,
dass Christus einst in stiller Stund,
da froh der Hahn zum Sang anhebt,
aus seinem Grab erstand und lebt.»(10)
Der Hahnenschrei erinnert also an Christus, den Sieger über Sünde, Tod und Hölle. An Christus wendet sich nun der Dichter:
Du Christ, verscheuch die Schläfrigkeit,
Du brich die Macht der Finsternis,
Du lösch die alte Sünde aus
und neues Licht giess in uns ein.
Der Hahn wird zum Symbol des Auferstandenen.
Das Hahnenlied wird zum Christushymnus.
Damit ist der Symbolcharakter des Hahnes noch nicht erschöpft. Nach Bischof Eucherius von Lyon (gest. um 450) (11) und nach Gregor dem Grossen (gest. 604) kann der Hahn auch auf die Prediger hinweisen, die das kommende Licht - Gericht und Glorie - ankünden. (12) Die Frage Gottes an Job: «Wer hat dem Hahn Verstand gegeben?» (Ijob 38,36) veranlasste Gregor, den geheimnisvollen Tagesherold noch tiefer zu erforschen, und er fand, dass der Hahn Symbol der Diskretion sei, denn er erhebt immer zur rechten Zeit - nicht zu früh und nicht zu spät - seine Stimme. Dadurch belehrt er die Prediger, zu gegebener Stunde und mit dem passenden Wort der Übernatur die Zuhörer aufzurütteln. (13) Vielleicht hat dieses Hahnenlob den Bischof Honorius von Autun (gest. im 12. Jahrhundert) bewogen, den Priester «Hahn Gottes» (Gallus Dei) zu nennen. (14)
Über den Symbolcharakter des Hahnes hat wohl keiner so ausführlich geschrieben wie Hugo von St. Viktor in Paris (gest. 1141). (15) Der häufiger zitierte Bischof Wilhelm Durand von Mende (gest. 1296) geht ganz auf ihn zurück. Sie beide wissen, dass der Hahn dem Prediger noch eine Mahnung gibt. Ehe er sich hören lässt, schlägt nämlich der Hahn sich selbst mit den Flügeln. So soll auch der Prediger zuerst sich in Zucht nehmen, bevor er an andere Forderungen stellt, eingedenk des Wortes Pauli: «Ich züchtige meinen Leib, damit ich nicht selbst verworfen werde, während ich andern Heroldsdienste leiste» (1 Kor 9,27). (16)
Auch als Windfahne ist der Hahn Symbol. Der Hahn trotzt den stürmischen Winden. So soll auch der Prediger den Rebellen (gemeint sind wohl die Irrlehrer) mutig entgegentreten. Er darf nicht fliehen, wenn er den Wolf kommen sieht. (17) Man scheint sich daran gestossen zu haben, dass der Hahn auf dem Kreuz steht. Natürlich verlangt die Aufgabe der Windfahne den obersten Standort, doch suchte man auch dafür noch mystische Gründe. Hugo von St. Viktor sagt, der Eisenstab, der dem Hahn Halt gibt, wolle den Prediger mahnen, sich immer auf Christus zu stützen. Nie dürfe er eigene Weisheit verkünden.
Überdies bedeutet der Hahn auf der höchsten Spitze, dass das Wort der Schrift durch das Kreuz abgeschlossen und vollendet ist. (18) Hier wird der Hahn sogar Symbol Christi. Schon Eucharius hat erklärt: «Gallus Dominus», der Hahn (ist) der Herr. (19)
Wir sind überrascht, dass man den Hahn zu so vielen Dingen in Beziehung gebracht hat. Vielleicht haben wir Mühe, in allem zu folgen. Aber das Symbol entspricht im Grunde doch der menschlichen Denkart, die Übernatürliches und Abstraktes durch sinnlich Wahrnehmbares auszudrücken oder anzudeuten sucht. Auf den mittelalterlichen Menschen stürzten nicht die tausend Eindrücke aus den Ätherwellen herein, wie auf uns heute. Um ihn war es noch stille und er hatte Zeit zum Sinnieren.
Angesichts so vieler Empfehlungen von höchsten Stellen ist es leicht zu verstehen, dass man gerade den Hahn als Windfahne auf die Kirchtürme setzte.
Wann man mit diesem Brauch begonnen hat, ist kaum festzustellen. (20) Vielleicht begann man damit schon bald, nachdem man Glockentürme baute, und solche lassen sich seit dem 8. Jahrhundert nachweisen. (21)
Der Hahn auf den Kirchtürmen ist vor allem in Nord- und Mittelfrankreich zu sehen. Weniger häufig begegnet man ihm im Süden. (22)
Aber auch in Italien fand der Hahn den Platz auf den Kirchtürmen. Der hl. Karl Borromäus wollte in der Erzdiözese Mailand nicht darauf verzichten, und auch sein Neffe, Kardinal Federico Borromeo, erliess eine (diesbezügliche) Verordnung für seine Titelkirche Nicolai in Carcere Tulliano. (23)
Der Hahn krönt auch Kirchen in Spanien, England, Belgien und Westdeutschland. (24)
Und in der Schweiz?
In diesem Zusammenhang ist eine Nachricht in der Chronik Ekkeharts IV. aufschlussreich. Beim Einfall der Ungarn ins Kloster St. Gallen am 1. und 2. Mai 926 meinten die plündernden Horden, der Hahn (lateinisch gallus) auf dem Kirchturm sei der Schutzgott des Ortes und sei aus Gold oder doch mindestens aus teurem Metall. Zwei Verwegene kletterten hinauf, um sich des Hahnes zu bemächtigen. Sie mussten ihre Freveltat mit dem Leben büssen, denn beide stürzten herab. (25)
Wir hören also hier, dass der Hahn im Gebiet der heutigen Schweiz bereits im 10. Jahrhundert als Windfahne verwendet wurde.
Heute hält der Hahn Wache auf dem Turm der Kathedrale des Bistums Basel, der ehrwürdigen Sankt-Ursen-Kirche in Solothurn(26), und auch auf dem Land sind in der Nordwestschweiz noch da und dort katholische Kirchen mit dem Hahn geziert. Der Brauch scheint aus Burgund in die Schweiz gekommen zu sein.
Auf die Kombination von Kreuz und Hahn wird schon seit geraumer Zeit verzichtet. Die Katholiken krönen ihre neuen Gotteshäuser mit dem Kreuz allein. Die Protestanten hingegen überlassen dem symbolreichen Hahn ohne Kreuz immer noch die Warte auf ihren Glockentürmen.
Anmerkungen
(1) Latina quae, medium per aevum in triviis nec non monasteriis vulgebantur Carmina. Poésies populaires Latines du moyen âge par Edélestand du Méril. Paris 1847, 12 und Anmerkung 3.
(2) Zitiert in Bulletin monumental IIe Sér. Tom. V. Paris 1849, 533.
(3) Nouveau Larousse universel , Paris 1948 (unter girouette 838).
(4) F. Cabrol et H. Leclercq, Dictionnaire d'Archéologie chrétienne et de Liturgie (zitiert DACL), Paris 1908 (unter Colombe 2203-2209).
(5) Bei manchen alten Völkern des Morgen- und Abendlandes war der Hahn vielfach Symbol im profanen Leben. Auch als Orakeltier galt er. Siehe: Plinius Hist. nat. Lib. X [C. XXI (24)]. Fr. Cancellieri, De secretariis veteris et novae basilicae vaticanae, Romae MDCCLXXXVI, Vol. II, 1377-1389. Handwörterbuch Zur deutschen Volkskunde, Abtl. I, Aberglauben, Bd. III, Berlin und Leipzig 1930/1931; Art. Hahn 1325-1347.
Ob dieser vorchristliche Volksglaube Einfluss hatte auf die Dichtung christlicher Hahnenlieder und die christliche Symbolik, sei dahingestellt.
(6) A. de Waal in Real-Encyklopädie von Fr. X. Kraus, I. Bd., Freiburg i.B. 1883,641-643. DACL (unter Coq 2891-2894).
(7) Ambrosius, Migne PL 14,255.
(8) DACL (unter Coq 2886-2891). Fr. Cancellieri l.c. 1367.
(9) PL 16, 1474.
(lO) PL 59, 775-785. Übersetzung von Prof. Dr. Kündig in SKZ 1930, 369.
(11) PL 50,750.
(12) PL 76,527-528.
(13) l.c. 529.
(14) PL 172, 589.
(15) PL 177,335-336.
(16) Rationale divinorum officiorum a R.D. Gulielmo Durando. Mimantensi Episcopo J. V. D. clarissimo concionatum, Lugduni 1559, Lib. I. de Eccl. et ejus Part. 7, No. 22. Hugo von St. Viktor, PL 177,335 f.
(17) Eucherius, PL 50, 750. Hugo von St. Viktor l.c.
(18) Hugo von St. Viktor, l.c.
(19) PL 50,750.
(20) Bischof Rampert von Brescia liess anno 820 einen Hahn aus Bronze giessen und auf dem Giebel seiner Kirche mit einer Inschrift anbringen. Mémoires de l'Académie de Stanislas 1903-1904, Nancy 1904,4.
(21) DACL (unter Clocher 1980).
(22) Bulletin monumental IIIe série Tom. V, Paris 1859, 591.
(23) Fr. Cancellieri l.c. 1364f. Bulletin monumental, l.c. 593.
(24) Mémoires de l'Académie de Stanislas 10, 19. Atlas de l'Ordre cistercien von Fr. van der Meer, Paris/Bruxelles 1965, Bildnummern 220,230,284,395,425.
(25) J. Duft, Die Ungarn in Sankt Gallen, Lindau und Konstanz 1957,17f.
(2&) F. Schwendimann, St. Ursen, Kathedrale des Bistums Basel und Pfarrkirche von Solothurn, Supplement 1937, Solothurn 1937, 41f.