
Samstag, 2. Mai 2026
«Wenn man von Mariastein gegen Metzerlen geht, trifft man rechts der Strasse, ungefähr dem Marienbildstöcklein gegenüber, eine mit Gebüsch überwachsene und mit kleinen Steinen ausgefüllte Bodenvertiefung. Die Pilger, die nach Mariastein wallfahrten, nehmen von zuhause einen Stein mit und werfen ihn in diese Vertiefung, um den (bösen) Geist, der darin haust, zu besänftigen. … Der Ort, dem man heute nichts mehr von seiner Ungeheuerlichkeit ansieht, ist zweifellos das «Fastenloch». Auf dem Plane von J. B. Altermatt aus dem Jahre 1805 ist dieses Fastenloch deutlich festgehalten. Die gleiche Vertiefung zeigt auch ein Grenzplan von 1810, und dicht daneben stand damals ein Kreuz, das vielleicht zur Entsühnung errichtet worden war.»
Dieser Text von Dr. Ernst Baumann in den Mariasteiner Monatsblättern von 1954 war die Anregung für den Umgang am 2. Mai 2026.
Entgegen der naheliegenden Verbindung des Fastenlochs mit der kirchlichen Fastenzeit deutet die überlieferte Praxis des Steinewerfens auf eine ältere Herleitung.
Steine wurden als Opfer elbischen Geistern gegeben. In eine Grube auf dem Hörnle zum Beispiel, einem Vorhügel des Urschelberges (Schwäbische Alb bei Pfullingen), wirft jeder Vorübergehende einen Stein und sagt: „Wir wollen den Nachtfräulein ein Opfer bringen“. Die Elfen/Geister werden durch das Hergeben von etwas Eigenem (also durch ein Opfer) besänftigt, hier der Stein, den man mitgetragen hat. Denn durch das Mittragen wurde der Stein zu etwas Eigenem und hat etwas vom Träger angenommen. Steine galten früher als besonders aufnahmefähig. So hat man auch Krankheiten auf sie übertragen und sich durch Wegwerfen des Steins davon befreit.
Auch christlichen Heiligen wurden in katholischen Gegenden Steine als Opfergaben dargebracht. Auf dem Britzgyberg bei Illfurth im Elsass lagen zum Beispiel früher bei der Kapelle Steine aufgehäuft, welche die Wallfahrer aus der Ebene hinaufgetragen hatten.
Zum Besänftigen des Geistes, wies es Ernst Baumann schreibt, passt auch, dass gemäss den Wörterbüchern zur deutschen Sprache «fast – festîn – fest» Festigkeit, Stärke, Schutz, auch fester Wohnsitz bedeutet; und «loch» Tür, Öffnung. Zusammen kann man dies als die Öffnung zum festen Wohnsitz des Geistes deuten. Im Elsass, Schwarzwald und in der Nordwestschweiz gibt es dazu viele Sagen betreffend Erdmännlein und -weiblein und auch viele Solothurner Sagen von den Härdlütli.
Das ist wohl die ursprüngliche Volksfrömmigkeit, die mit dem Fastenloch verbunden war. Später ging dies verloren und man hat den Namen vom naheliegenden und bekannten kirchlichen Fasten vor Ostern her zu erklären versucht.
In Anlehnung an diesen Brauch nahmen die Teilnehmer einen Stein und trugen ihn während des Umganges bei sich. Bei der ersten Station kam dann als Anregung die Frage: Gibt es etwas Negatives, das ich mit mir herumtrage (Sorgen, Belastungen, Trauer etc.), wovon ich befreit werden möchte?
Schweigend ging es dann zum nächsten Halt, wo die Sage vom Erdmännlein und der Hebamme das Bild weiter vervollständigte: Eine Hebamme wurde zur Entbindung eines Erdweibleins gerufen. Der Eingang im Wald führte durch eine Moostür in einen unterirdischen Gang, dann durch eine hölzerne Tür weiter zu einer Tür aus glänzendem Metall und hinein in ein prächtiges, grosses Zimmer. Da lag das Erdweiblein in einem Bett und wurde sogleich von der Hebamme entbunden. Als Dank erhielt die Hebamme eine ganze Schürze voll schwarzer Kohlen. Auf dem Weg zurück durch den Wald warf die Hebamme eine Kohle nach der andern heraus. Einen Teil nahm sie aber doch mit nach Hause. Wie sie daheim nun aber ihre Schürze ausschüttete, da waren statt der Kohlen lauter blinkende Goldstücke darin.
Auffallend sind die drei Türen, von aussen ganz unscheinbar, für uns wahrscheinlich auch unsichtbar (Moostür); innen wird es immer wertvoller (Türe aus Holz, dann aus glänzendem Metall); dann ein prächtiges Zimmer. Und das Geschenk, in menschlichen Augen unscheinbar, entpuppt sich als Schatz!
Was wir achtlos mittragen und nur allzu gerne wegwerfen (auch symbolisch in unserem Leben), ist vielleicht ein Schatz, eine wertvolle Hilfe für unser Leben. Auf jeden Fall steckt mehr dahinter (zB. unter dem Moos) oder darin (zB. in den Kohlen), als wir sehen können, die Wirklichkeit ist grösser als was wir sehen und wissen!
So ging es zur letzten Station beim Kreuz auf dem Weg vom Pilgerparkplatz zum Klosterplatz. Und es gab einen weiteren Gedanken: Den Stein wegwerfen oder zurücklassen ist einfach. Es ist Ausdruck unseres Wunsches nach Vergebung. Dr. Ernst Baumann zeigt noch einen anderen Aspekt, wenn er die folgende Überlieferung zitiert: Die Pilger, schreibt er, welche zum ersten Mal über den Blauen nach Mariastein kommen, werfen, wenn sie auf der Höhe angekommen sind, einen Stein auf einen dort befindlichen Steinhaufen, in der Meinung, die Mönche von Mariastein würden dort eine Kapelle erbauen, wenn genug Steine beisammen seien.
Die Steine werden also nicht einfach weggeworfen, sondern deponiert. Sie bekommen eine neue Bedeutung. Sie werden von einer Last zu einem Baustein für eine Kapelle! Ja: Sie belasten uns nicht mehr, wir sind befreit von der Last. Aber sie werden nicht einfach liegen gelassen, sie dienen nun einem guten Zweck, sie verwandeln sich. Auch was wir mit uns herumtragen und uns bedrückt, kann sich positiv verwandeln.
Mit diesem Gedanken wurden die Steine beim Kreuz deponiert und das Lied «Meine engen Grenzen» gesungen.
Es folgten die Vesper mit dem Mariasteiner Lied zusammen mit den Mönchen in der Basilika und ein einfaches aber schmackhaftes gemeinsames Nachtessen.